Über Turbulenzen und Zufälle

Oktober 28, 2018 by Julia
Persönlich

Rough sea

Dieses Jahr war bisher wahnsinnig turbulent für mich. So ungefähr gar nichts ist so, wie ich es mir zum Jahresstart vorgestellt habe. Ich habe meine Bachelorarbeit erst im zweiten Anlauf geschrieben, ich bin quasi Hals über Kopf nach Indonesien geflogen, ich habe mein Handgelenk gebrochen und anschließend, trotz aller Hindernisse, eine Herzensangelegenheit durchgezogen, ich habe meine Bachelorarbeit in einem sehr sympathischen Unternehmen schreiben dürfen, ich habe so viel Erfahrung im Umgang mit Gruppen, insbesondere auch mit Jugendlichen und Kindern, sammeln können und ich habe eine große Entscheidung getroffen: Ich werde in naher Zukunft weder für ein Unternehmen arbeiten, noch werde ich einen Master in einem BWL-nahen Fach machen. 

Ich wusste schon ziemlich früh, was ich wirklich möchte. Allerdings konnte ich mir das für mich nicht vorstellen, ich habe es mir nicht zugetraut. Trotzdem war der Wunsch da, eigentlich bereits seit meiner Kindheit, und wurde immer lauter. Und dann gab es den einen Abend, an dem ich die Entscheidung für Etwas traf: Für Journalismus.

Ja, ich stehe ganz am Anfang. Ja, es ist nicht einfach. Ja, auch generell hadert die Branche. Ja, es genießt (derzeit) kein großes Ansehen. Und ja, in einem Unternehmen wird man reicher. Aber I just don’t fucking care. Ich will das, und zwar von ganzem Herzen. Ich finde Journalismus wichtig (hi there, my friends in Turkey), und mir macht die journalistische Arbeit Spaß. Das sind für mich ausschlaggebende Gründe, es einfach zu versuchen.

Zurück zu jenem Abend, an dem ich die Entscheidung traf. Es war Freitag, ich war danach noch auf ein Bier mit einer Freundin in Münster verabredet. Unglücklicherweise verpasste ich die Bahn, die ich nach Hause nehmen wollte, sodass ich letztendlich um kurz nach Zwölf in Münster loskam und erst gegen Zwanzig vor Zwei in Bielefeld war. Ich schloss mein Fahrrad ab und wollte gerade nach Hause fahren als mir drei ehemalige Kommilitonen entgegenkamen, auf dem Weg in einen der Clubs am Bahnhof. Ich begrüßte sie, wir hatten uns seit über einem Jahr nicht mehr gesehen. Dann dauerte es vielleicht noch drei Sätze, bis mir folgende, klassische Frage gestellt wurde: „Und was machst du jetzt so? Du bist ja offensichtlich noch in Bielefeld…“ Ich erklärte wahrheitsgemäß, dass ich jetzt mit dem Studium durch bin und jetzt schaue, was die nächsten Schritte für mich sind. Ich fühlte mich noch nicht bereit, ihnen meine – vor wenigen Stunden getroffene – Entscheidung mitzuteilen. Ich schaute in ratlose Gesichter und fragte dann, „Naja, und was macht ihr jetzt?“

Der Kommilitone, der als Erstes das Wort ergriff, schien nur so auf die Rückfrage zu warten. Die dritte Beförderung innerhalb seines ersten Jahres im Unternehmen stünde an. Er arbeitet 70 bis 80 Stunden die Woche, das sei hart, aber „man muss wissen, wo man mit Dreißig stehen will“. Dafür gibt es dann aber auch Urlaub auf den Malediven und in Thailand. Ich wusste nicht, ob ich manche Formulierungen als Stich gegen mich auffassen sollte. Allerdings wusste ich bereits in dem Moment, dass ich das so nicht will. Oder besser: Nicht mehr will. Mich das ganze Jahr über verausgaben, um dann meine wenigen freien Tage im Luxushotel am anderen Ende der Welt zu haben — und vermutlich unerholt aus dem Urlaub wiederzukommen, weil der Jetlag mich ausknockt. Wie schräg, dass ich genau dieses Szenario in den letzten Jahren für mich verfolgt habe. Wie gut, dass es sich für mich nicht mehr erstrebenswert anfühlt.

Als mein ehemaliger Kommilitone alles über sich erzählt hatte, was er erzählen wollte, begann die Kommilitonin rumzudrucksen. Sie arbeitet auch, in einem namhaften Unternehmen. Meine Nachfrage, wie es ihr gefällt, schien ihr unangenehm zu sein. Sie sagte, ihre Arbeit macht nicht so viel Spaß. Eigentlich würde sie sich gerne umorientieren, aber naja, nicht jetzt. Jetzt möchte sie erstmal arbeiten und Geld verdienen. Ich hätte sie gerne umarmt, sagte allerdings nur: „Ja, kann ich irgendwie verstehen.“

Der dritte Kommilitone war deutlich kürzer angebunden: „Es ist eh überall das Gleiche, aber es gibt eben Geld. Das ist der einzige Grund, weshalb ich den Scheiß mache.“ Ich war irritiert, und fragte, ob er denn vorhat, zu wechseln, wenn es ihm ja offensichtlich keinen Spaß macht. Aber für ihn stand fest, dass Arbeiten eben keinen Spaß macht, sonst wäre es ja nicht Arbeit. 

Nach etwas weiterem Smalltalk verabschiedeten wir uns, ich machte mich in Richtung Bett auf und sie in Richtung Club. Die nächsten Meter verbrachte ich damit, irgendwie erleichtert zu sein, dass ich vorher abgebogen bin. Ich bin froh, dass ich nicht unglücklich in einem Unternehmen sitze. Und auch, dass ich daran glaube, dass es Arbeit gibt, die Spaß macht. Ich konnte allerdings nicht lange grübeln, da mich ein Betrunkener anrempelte, und von seiner Begleitung dann weggezogen wurde. Die Begleitung und gute Seele, die auf den Betrunkenen aufpasste, war ein weiterer ehemaliger Kommilitone. 

Das gleiche Spiel von vorne: Er stellte mir die Frage, ich gab die selbe Antwort. Daraufhin schaute er mich an, lächelte und sagte nur „cool.“ Ich musste schmunzeln. Als ich ihn fragte, was er macht, war ich erstaunt. Er macht ein freiwilliges soziales Jahr im Ausland, an einer Schule. Was danach kommt, weiß er noch nicht. Ich war überrascht, da er den besten Abschluss unseres Jahrgangs gemacht hat. Es war ein sehr angenehmes und ehrliches Gespräch. Sein Freund hing währenddessen am Zaun ein paar Meter weiter und wirkte erleichtert, sich nicht auf sein Gleichgewicht verlassen zu müssen. Zum Abschied wünschten wir einander alles Gute und umarmten uns, dann wandte er sich wieder seinem hilfsbedürftigen Freund zu.

Auf dem Heimweg dachte ich noch über die Begegnungen nach. Vielleicht gibt es keine Zufälle. Wenn dem so ist, haben mich diese Begegnungen bestärkt, auf dem richtigen Weg zu sein. Dem vierten Kommilitonen habe ich in unserem Gespräch erzählt, welche Richtung ich einschlagen möchte. Journalismus. Mir war kurz flau im Magen, weil es sich so anders anhört, anders anfühlt. In mir drehte es sich wie in einem Karrussel. Und dann setzte Adrenalin ein, und es war ein unfassbar positives Gefühl. I know what I gotta do.


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