Einmal wieder: Die Heimatfrage

Mai 31, 2017 by Julia
Persönlich

Ich finde Bielefeld fantastisch. Ich habe tolle Menschen hier getroffen, ganz besondere Menschen kennen und lieben gelernt und bisher auch viele tolle Erfahrungen gemacht. Ich nenne Bielefeld mein Zuhause, kehre immer wieder gerne in die Stadt zurück, ob nach kürzeren oder längeren Trips. Aber jetzt, nachdem sich die erste enge Freundin aus Bielefeld nach Berlin verabschiedet hat und die anderen liebsten Freundinnen auf mittel- bis langfristige Sicht auch nach anderen Städten umsehen, stellt sich mir unweigerlich die Frage, wo ich überhaupt hin möchte.

Nach Istanbul muss es Stadt sein. Das Dorfleben fande ich seinerzeiten schon langweilig und die wochenendlichen Alkoholeskapaden demnach nur logisch konsequent. Und es ist zur Zeit immer noch so: je größer, desto besser. Ich war in den vergangenen zwei Monaten sowohl zweimal in Frankfurt und in Berlin. Beides fantastische Städte in Deutschland, finde ich jedenfalls. Daher auch in den Top 3 meiner Zukunftsplanung. 

Berlin, das ist ja schon irgendwie verrückt. Ich habe das Gefühl, früher oder später zieht es die meisten dorthin. Vielleicht auch nicht für immer, aber den Reiz kann ich definitiv nachvollziehen. Tag und Nacht lebt die Stadt, du kannst alles erleben, im Prinzip ist alles erlaubt, was gefällt. Dazu das Wasser und viel Grün. Und gemütliche Hipstercafés mit Soja-Cappucinos und veganen Donuts und und und. Das ganze Berlin-Tamtam eben.

Frankfurt dagegen ist die Stadt, die ihr Geld nach außen trägt, aber trotzdem irgendwie ranzig ist. Ich mag die Mischung. Vegane Donuts und veganes Eis habe ich dort übrigens auch erspähen können und für gut befunden! (Ich teste mich ja echt gerne durch veganen Kram.) Aber FFM ist einfach teuer. Und etwas konservativ. Vielleicht passe ich da (noch) nicht hin.

Bielefeld ist für mich gerade schön, aber kein Ort zum Bleiben. Glaube ich zumindest gerade jetzt. Zu klein, trotz vielen (Hipster-)Cafés, Restaurants, Theatern, Kinos, Grün. Und die STadt, die in Deutschland wohl am meisten unterschätzt wird! Falls ihr nicht gerade die komplette Existenz abgesprochen wird. Aber mir fehlt das Wasser – und vor allem die Großstadtmentalität. Die ostwestfälische Zurückhaltung (hust) ist für mich einer der Hauptgründe, der Stadt nach dem Studium den Rücken zu kehren. Neue Leute kennenlernen ist mehr als schwierig, zumal die Stadt auch gefühlt nur aus Pärchen besteht. Wenn meine Freunde nicht mehr hier sind, hält mich dann hier auch nicht viel. Ach ja: einen richtig guten Club vermisse ich auch..

Vermutlich wird es so: Der Job entscheidet. Aber wenn ich ein bisschen Wahl habe, dann wird es dort, wo ich auch ein oder zwei meiner engsten Freunde habe. Aber nicht das Sauerland, trotz Familie. Echte Freundschaft hat für mich und vielleicht auch die Generation um mich herum einen wahnsinnig hohen Stellenwert. Sie sind konstanter, gehen ziemlich tief, halten meist länger als Beziehungen und sind gewissermaßen notwendig für das alltägliche Leben. Man kann die Last abladen und darauf dann ein Bier trinken. Die Beziehung ist eben symmetrischer als jene mit der Familie.

Und wo ist Heimat nun für mich? Ich weiß es nicht. Mein Herz hängt in Istanbul, und wenn ich die Chance bekomme, nochmal dorthin zu gehen, muss ich intensiv darüber nachdenken. Vielleicht ist Istanbul gewissermaßen Heimat für mich. Vielleicht ist Istanbul aktuell auch nur noch ein surrealer Wunschtraum. Vielleicht bedeutet Heimat aber auch, sich mit den Leuten zu umgeben, die man braucht. Ob Familie oder Freunde. Ich weiß es wirklich nicht. Und ich habe auch noch keine Antwort auf die Frage. Das einzige, das ich habe, ist der Antrieb, einen Platz in dieser Welt zu finden, an dem ich mich wohl fühle und ankommen kann. Ich bin gespannt, wie lange das noch dauert.

PS. Ja, Bielefeld hat den Obersee. Aber da kann man nicht drin schwimmen und außerdem liegt er gefühlt schon halb in Herford. Zumindest hier aus meiner Mitte-Perspektive. Sorry, Bielefeld.


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