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Nicht-Alltag und Kompromisse

Zum Einjährigen.

Meine Abreise nach Istanbul und meine Rückkehr nach Bielefeld liegen fast genau ein Jahr auseinander. Ganze 364 Tage. Und das veranlasst mich unterbewusst dazu, meine Zeit in Istanbul intensiver zu vermissen als sowieso schon.

Ich mag Bielefeld aufrichtig. Es ist schön, grün, nicht zu laut, zu hektisch, zu groß. Überschaubar. Trotzdem irgendwie lebhaft. Auf eine ostwestfälisch-zurückhaltende Weise. Meiner Meinung nach auch groß genug, um in einer angenehme Anonymität abzutauchen, aber klein genug, um guten Freunden häufiger mal einfach so über den Weg zu laufen. Wie eigentlich schon zu erwarten, kommt jetzt das Aber. Ich bin immer noch verliebt. In Istanbul. Und diese Liebe tut sich schwer mit Kompromissen.

Zu Anfang hatte ich das Gefühl, dass ich den Abschied besser wegstecke als erwartet. Aber nachdem ich meinen Sommer mit Arbeiten und Reisen nun hinter mich gebracht habe und jetzt in so etwas wie Alltag zurückkehre, vermisse ich meinen Nicht-Alltag in Istanbul. Ich bin fast nie zwei Mal hintereinander um die gleiche Uhrzeit aufgestanden, habe es nie geschafft, zu den gleichen Zeiten zu Essen. Mein Leben war ein einziges Chaos von Außen betrachtet, und ich habe es geliebt. Ich habe Pläne über den Haufen schmeißen müssen und gemerkt, dass eben jenes viele neue Möglichkeiten für mich offen hält. Und so habe ich dann auch irgendwann das aufwendige Planen sein lassen. Und genau dadurch fühle ich mich freier denn je. Natürlich, meine To Do-Listen kann ich nicht sein lassen, denn daran hängt quasi meine ganze Disziplin, aber wenn etwas nicht klappt, kann ich gelassen reagieren. Und manchmal – und das passiert nicht selten – sehe ich im Rückspiegel, dass es so auch gut ist.

Hier in Bielefeld habe ich aber nicht Nicht-Alltag. Ich habe jeden Tag To Do-Listen und muss auch wieder anfangen, langfristig zu Planen und mir Ziele zu setzen. Das macht mir Angst. Keine panische Angst, aber eine solche, die einem das Herz schwer wie Blei werden lässt und einen irgendwie runter drückt. Und dann denke ich an Istanbul – die Stadt, die Leute, das Wetter, den Bosporus, die Sonnenuntergänge. Mein Leben. Herzklopfen. Erinnerungen. Melancholie.

Keine Stadt ist wie Istanbul. Selbst ist diese Stadt ein Kompromiss zwischen Ost und West, zwischen Asien und Europa, und genau deshalb vermisse ich Istanbul. Und das jeden Tag, den ich nicht dort bin. Ich fühle mich hier in Bielefeld zu Hause. Aber nicht annähernd so, wie ich es in Istanbul tat. Letztendlich mache ich mit dieser Liebe überall außerhalb der Stadt selbst Kompromisse. Aber die beste Medizin habe ich bereits gefunden: Der Kontakt zu meinen Istanbul-Liebsten. Gemeinsam leidet man eben doch weniger.