Persönlich


Zeig dir mein Profil und ich sag dir, wer ich bin.

Dass ich seit Monaten nichts mehr auf Instagram oder Facebook gepostet habe, ist kein Zufall. Für einige Wochen war ich Mitte 2018 auch komplett von der Bildfläche verschwunden: Ich war müde. Müde, mir jeden Tag den gleichen Scheiß reinzuziehen. Mich mit immer gleichen Fotos und unlustigen Sprüchen abzulenken. Der Selbstdarstellung einfach überdrüssig. Social Media war weder sozial noch lustig. Es kotzte mich ehrlich gesagt nur noch an.

Auf meinem Facebook-Profil befindet sich ein fragwürdiges Foto. Darauf zu sehen bin ich an meinem 20. Geburtstag, sicherlich schon mit ein oder zwei Tequila intus, einer Plastikkrone auf dem Kopf und Bier in der Hand. Ein Foto, das beweist, dass Social Media mal lustig war. Als wir uns noch nicht darum scherten, was mögliche Arbeitgeber dazu sagen oder wie zuträglich das Foto der eigenen brand ist. 

Social Media ist inzwischen viel mehr als Selbstdarstellung. Es ist zur Währung mutiert. Eine Währung, die in der kreativen Branche über Jobs entscheidet – und dabei wertvoller ist als Studienabschlüsse. Aber vor allem ist Social Media auch im Privaten eine Währung: Auf das ausgeschriebene WG-Zimmer wird sich inklusive des Instagram-Namens beworben. Bei Tinder ist die Plattform längst ein weiteres Kriterium. Spätestens nach dem eigentlichen Match kommt sehr bald die Frage nach dem Accountnamen und die Kompatibilität wird nochmal evaluiert. 

Dass die Profile häufig generisch aussehen, ist nur die logische Konsequenz aus dieser Entwicklung: Wo die Onlinepräsenz an Relevanz gewinnt, da möchte man gefallen. Bloß will ich heute nicht nur meinen guten Freund*innen, meinen Kommiliton*innen und vielleicht auch Professor*innen gefallen, sondern auch potentiellen Arbeitgebern und potentiellen Sexpartner*innen. Und wer so viele stakeholder’ unter einen Hut bringen darf, zeigt, was allgemeingültig gefällt. Popkultur approves. So sind wir bei Instagram alle #parttimetraveler und #interiorblogger, zwischendurch gibt es noch ein wenig #foodporn – wir können uns ja auch gönnen und haben bezüglich unseres Körpers keine Komplexe.

Genauso mau geht es beim großen Bruder Facebook zu. Auf der „eigentlich ja toten“ Plattform, „aber ich check’s halt noch aus Langeweile“, werden nur noch fleißig ZEIT-Artikel geteilt und geliked oder die Zusage für eine Demo oder ein richtig hippes Konzert in der Stadt öffentlich gemacht. Weil wir sind ja intellektuell, politisch und kulturell up to date. 

Ich drehe noch mit in diesem Karussell und ich habe auch noch keine allumfassende Lösung gefunden, die sich für mich richtig anfühlt. Ich weiß nur, dass ich weiterhin passende Lösungen für mich finden darf. So folge ich auf Instagram nur noch Accounts, die mich wirklich interessieren oder bei denen ich Mehrwert für mich erkenne. Für die spaßigen Angelegenheiten habe ich inzwischen einen zweiten Account, auf dem ich mich ein bisschen ausprobiere und bei Bedarf Inspiration hole. Und Facebook, nun ja, ist wohl wirklich fast tot. Bis ich jedoch keinen halbwegs sinnvollen und durch schlaue Algorithmen kuratierten Newsfeed bekomme, lese und like ich wohl dort weiter ZEIT-Artikel.

stakeholder. Ein tolles Wort aus meinem BWL-Studium: Alle Menschen, die irgendein Interesse an dir haben. 

Und wieder laufen lernen

Kurz nachdem ich mich vor knapp drei Jahren von meinem Exfreund getrennt habe, erschien ein Artikel auf amazed. “Laufen lernen”. Generell mochte ich die “Coffee Break”-Kolumne, die von Anja geschrieben wurde, sehr gerne. Mit dieser allerdings berührte sie mich wie mit keiner anderen, das Timing stimmte. Im Text beschreibt sie, wie es ist, nach einer Trennung die simpelsten Dinge wieder alleine zu tun. Wieder mit sich selbst und seinen Gedanken zu sein.

In den drei Jahren seit Erscheinen der Kolume ist viel bei mir passiert. Ich war während meiner Zeit in Istanbul einige Male alleine unterwegs, kurz darauf bin ich alleine nach Dublin geflogen und habe Irland bereist, ich ging alleine auf Konzerte oder in Restaurants. Abends koche ich für mich, esse für mich und habe Zeit für meine Gedanken. Ich glaube, inzwischen kann ich sicher laufen.

Doch nicht nur nach Beziehungen muss man neu laufen lernen. Mit jedem großen Umbruch im Leben startet man irgendwie neu. Kleine Schritte, Gleichgewicht halten, Gleichgewicht verlieren, hinfallen. wieder aufstehen, wieder kleine Schritte. Vielleicht noch einmal hinfallen, aber du letztendlich lernst du im Laufe des Lebens immer wieder laufen. Und zwar immer genau dann, wenn du nach radikalen Veränderungen selbst für dich einstehst.

Heute Morgen dachte ich über die Kolumne nach. Las sie erneut, erkannte Parallelen. Beim Abendessen bekam ich ein Foto geschickt, ich als Kleinkind, etwa sechs Wochen alt. An Laufen war noch nicht zu denken. Nicht allzu lange Zeit später stand ich wackelig auf den Beinen, lernte laufen. Und danach lernte ich noch so viel mehr. Und ich werde auch noch viel mehr lernen.

Stichtag Weihnachten

Zu Weihnachten zur Familie zu fahren ist jedes Mal wieder Recap auf das vergangene Jahr. Was ist im vergangenen Jahr passiert? Wo stehe ich? Wie sind meine Aussichten auf die Zeit zwischen den Jahren und auf das, was danach alles folgt? Und wie weit habe ich mich von der Person entfernt, die vor einigen Jahren das Dorf verlassen hat? Während ich im Zug sitze, stelle ich mir unweigerlich diese Fragen. Um sie ein paar Stunden später meinen Eltern in verkürzter Version (“Und wie geht’s jetzt weiter?”) zu beantworten, und einige Tage später meinen Verwandten (“Und was genau machst du jetzt?”).

Weihnachten und generell das Jahresende scheinen Stichtage zu sein, den eigenen Fortschritt festzustellen und zu den Vorjahren zu vergleichen — und sei er noch so klein. “Hauptsache, es geht voran.” Ich weiß nicht, wie häufig ich diesen Satz bereits gehört habe. Oder ihn vielleicht auch selbst gesagt habe. Bloß schade, wenn niemand aus der Verwandtschaft bei dir Fortschritt sehen kann. Oder sehen möchte.

Das vergangene Jahr war jenes, in welchem ich mich von meinem geradlinigen Lebenslauf verabschiedet habe, mit Ansage und vielleicht auch Nachtreten. Und ja, diese romantisierte Vorstellung von “breaking free” und “tue, was du liebst” ist toll und alles, aber die Realität ist häufig einfach beschissen. 2018 war das Jahr, in welchem ich neben einigen mutigen Entscheidungen auch am meisten Tränen vergossen habe. Sich einfach so losreißen und einen Neustart hinlegen, das funktioniert nur im Film. Aber leider hatte ich nicht das Glück wie Rose DeWitt-Bukater, dass meine gesamte Vergangenheit auf der Titanic versinkt. Und zwar genau dann, wenn ich merke, dass ich in meinem Leben mehr verdiene als Bullshit auf Raten. Und ich habe leider auch nicht die finanziellen Mittel übrig, die Welt zu bereisen, um wieder Genießen zu lernen (kann ich nach wie vor ziemlich gut) und mich in Meditation und Glück zu üben, wie die gute Liz Gilbert.

Genauso unrealistisch wie diese überkitschigen Filme ist auch die Vorstellung von ausschließlich harmonischen Weihnachten. In diesem Jahr wird bei mir kein vermeintliches Vorankommen sichtbar sein. Und nach unbeschwertem Vorankommen fühlte es sich ja auch nicht an. Dafür eher wie der Weg durch das Undicht auf eine Alternativroute. Und diese Route führt vielleicht irgendwann zum Meer. Oder vielleicht bin ich auch ein paar Schritte zurück gegangen — um neue Ziele in den Blick und Anlauf darauf nehmen zu können.

Ich kann ehrlich gesagt nicht beantworten, ob es mir besser oder schlechter geht als im vergangenen Jahr. Die Rahmenbedingungen sind einfach anders. Und gleichzeitig bin ich wahnsinnig stolz auf mich und auf die getroffenen Entscheidungen. Und ich bin wahnsinnig dankbar, dass ich so tolle Wegbegleiter habe, die mich maximal unterstützt haben und an mich glaubten, als ich es nicht konnte.

Ich bin voller Vorfreude auf das kommende Jahr. Ich arbeite daran, meine Träume zu verwirklichen. Und ich kann zufrieden mit mir sein, wie das Jahr nach Turbulenzen und Talfahrt letztlich endet. Und an diesem Punkt ist es dann auch völlig egal, was die Verwandtschaft sagt.

Ich wünsche frohe Weihnachtsfeiertage. Stresst euch nicht zu sehr. <3

Über Turbulenzen und Zufälle

Dieses Jahr war bisher wahnsinnig turbulent für mich. So ungefähr gar nichts ist so, wie ich es mir zum Jahresstart vorgestellt habe. Ich habe meine Bachelorarbeit erst im zweiten Anlauf geschrieben, ich bin quasi Hals über Kopf nach Indonesien geflogen, ich habe mein Handgelenk gebrochen und anschließend, trotz aller Hindernisse, eine Herzensangelegenheit durchgezogen, ich habe meine Bachelorarbeit in einem sehr sympathischen Unternehmen schreiben dürfen, ich habe so viel Erfahrung im Umgang mit Gruppen, insbesondere auch mit Jugendlichen und Kindern, sammeln können und ich habe eine große Entscheidung getroffen: Ich werde in naher Zukunft weder für ein Unternehmen arbeiten, noch werde ich einen Master in einem BWL-nahen Fach machen. 

Ich wusste schon ziemlich früh, was ich wirklich möchte. Allerdings konnte ich mir das für mich nicht vorstellen, ich habe es mir nicht zugetraut. Trotzdem war der Wunsch da, eigentlich bereits seit meiner Kindheit, und wurde immer lauter. Und dann gab es den einen Abend, an dem ich die Entscheidung für Etwas traf: Für Journalismus.

Ja, ich stehe ganz am Anfang. Ja, es ist nicht einfach. Ja, auch generell hadert die Branche. Ja, es genießt (derzeit) kein großes Ansehen. Und ja, in einem Unternehmen wird man reicher. Aber I just don’t fucking care. Ich will das, und zwar von ganzem Herzen. Ich finde Journalismus wichtig (hi there, my friends in Turkey), und mir macht die journalistische Arbeit Spaß. Das sind für mich ausschlaggebende Gründe, es einfach zu versuchen.

Zurück zu jenem Abend, an dem ich die Entscheidung traf. Es war Freitag, ich war danach noch auf ein Bier mit einer Freundin in Münster verabredet. Unglücklicherweise verpasste ich die Bahn, die ich nach Hause nehmen wollte, sodass ich letztendlich um kurz nach Zwölf in Münster loskam und erst gegen Zwanzig vor Zwei in Bielefeld war. Ich schloss mein Fahrrad ab und wollte gerade nach Hause fahren als mir drei ehemalige Kommilitonen entgegenkamen, auf dem Weg in einen der Clubs am Bahnhof. Ich begrüßte sie, wir hatten uns seit über einem Jahr nicht mehr gesehen. Dann dauerte es vielleicht noch drei Sätze, bis mir folgende, klassische Frage gestellt wurde: „Und was machst du jetzt so? Du bist ja offensichtlich noch in Bielefeld…“ Ich erklärte wahrheitsgemäß, dass ich jetzt mit dem Studium durch bin und jetzt schaue, was die nächsten Schritte für mich sind. Ich fühlte mich noch nicht bereit, ihnen meine – vor wenigen Stunden getroffene – Entscheidung mitzuteilen. Ich schaute in ratlose Gesichter und fragte dann, „Naja, und was macht ihr jetzt?“

Der Kommilitone, der als Erstes das Wort ergriff, schien nur so auf die Rückfrage zu warten. Die dritte Beförderung innerhalb seines ersten Jahres im Unternehmen stünde an. Er arbeitet 70 bis 80 Stunden die Woche, das sei hart, aber „man muss wissen, wo man mit Dreißig stehen will“. Dafür gibt es dann aber auch Urlaub auf den Malediven und in Thailand. Ich wusste nicht, ob ich manche Formulierungen als Stich gegen mich auffassen sollte. Allerdings wusste ich bereits in dem Moment, dass ich das so nicht will. Oder besser: Nicht mehr will. Mich das ganze Jahr über verausgaben, um dann meine wenigen freien Tage im Luxushotel am anderen Ende der Welt zu haben — und vermutlich unerholt aus dem Urlaub wiederzukommen, weil der Jetlag mich ausknockt. Wie schräg, dass ich genau dieses Szenario in den letzten Jahren für mich verfolgt habe. Wie gut, dass es sich für mich nicht mehr erstrebenswert anfühlt.

Als mein ehemaliger Kommilitone alles über sich erzählt hatte, was er erzählen wollte, begann die Kommilitonin rumzudrucksen. Sie arbeitet auch, in einem namhaften Unternehmen. Meine Nachfrage, wie es ihr gefällt, schien ihr unangenehm zu sein. Sie sagte, ihre Arbeit macht nicht so viel Spaß. Eigentlich würde sie sich gerne umorientieren, aber naja, nicht jetzt. Jetzt möchte sie erstmal arbeiten und Geld verdienen. Ich hätte sie gerne umarmt, sagte allerdings nur: „Ja, kann ich irgendwie verstehen.“

Der dritte Kommilitone war deutlich kürzer angebunden: „Es ist eh überall das Gleiche, aber es gibt eben Geld. Das ist der einzige Grund, weshalb ich den Scheiß mache.“ Ich war irritiert, und fragte, ob er denn vorhat, zu wechseln, wenn es ihm ja offensichtlich keinen Spaß macht. Aber für ihn stand fest, dass Arbeiten eben keinen Spaß macht, sonst wäre es ja nicht Arbeit. 

Nach etwas weiterem Smalltalk verabschiedeten wir uns, ich machte mich in Richtung Bett auf und sie in Richtung Club. Die nächsten Meter verbrachte ich damit, irgendwie erleichtert zu sein, dass ich vorher abgebogen bin. Ich bin froh, dass ich nicht unglücklich in einem Unternehmen sitze. Und auch, dass ich daran glaube, dass es Arbeit gibt, die Spaß macht. Ich konnte allerdings nicht lange grübeln, da mich ein Betrunkener anrempelte, und von seiner Begleitung dann weggezogen wurde. Die Begleitung und gute Seele, die auf den Betrunkenen aufpasste, war ein weiterer ehemaliger Kommilitone. 

Das gleiche Spiel von vorne: Er stellte mir die Frage, ich gab die selbe Antwort. Daraufhin schaute er mich an, lächelte und sagte nur „cool.“ Ich musste schmunzeln. Als ich ihn fragte, was er macht, war ich erstaunt. Er macht ein freiwilliges soziales Jahr im Ausland, an einer Schule. Was danach kommt, weiß er noch nicht. Ich war überrascht, da er den besten Abschluss unseres Jahrgangs gemacht hat. Es war ein sehr angenehmes und ehrliches Gespräch. Sein Freund hing währenddessen am Zaun ein paar Meter weiter und wirkte erleichtert, sich nicht auf sein Gleichgewicht verlassen zu müssen. Zum Abschied wünschten wir einander alles Gute und umarmten uns, dann wandte er sich wieder seinem hilfsbedürftigen Freund zu.

Auf dem Heimweg dachte ich noch über die Begegnungen nach. Vielleicht gibt es keine Zufälle. Wenn dem so ist, haben mich diese Begegnungen bestärkt, auf dem richtigen Weg zu sein. Dem vierten Kommilitonen habe ich in unserem Gespräch erzählt, welche Richtung ich einschlagen möchte. Journalismus. Mir war kurz flau im Magen, weil es sich so anders anhört, anders anfühlt. In mir drehte es sich wie in einem Karrussel. Und dann setzte Adrenalin ein, und es war ein unfassbar positives Gefühl. I know what I gotta do.

Versagen ist mein neues Hobby

Seit Jahren schon möchte ich Longboard fahren ausprobieren. Anfangs war da der Einwand meiner Eltern, ich sollte es doch vorher einmal ausprobieren, bevor ich mir ein eigenes Board kaufe. Und so startete ich immer wieder den Versuch, bei Freunden mal das Longboard auszuprobieren, aber ich tat es letztendlich nie. Ich hatte mal wieder meine innere Handbremse mit der Aufschrift „Du kannst das eh nicht“ angezogen und eine Vielzahl an Ausreden gefunden, die diese Handbremse nur noch weiter festzogen.

Kennst du die Magie von Anfängen? Sobald du den ersten Schritt auf einem neuen Weg machst, eröffnet sich bald eine ganz neue Welt. So auch in diesem Fall: Ein Arbeitskollege, mit dem ich zum ersten Mal arbeitete, stellte mich in unserer Mittagspause auf sein Longboard. „Ja, mach halt einfach.“ Im Prinzip waren es nur vier oder fünf Minuten, aber mir war direkt klar: Ich will das können.

Wenige Tage später flog ich nach Barcelona. Und jeder, der schonmal am Strand von Barceloneta entlang spazierte, dem werden die vielen Skate- und Longboarder aufgefallen sein. An den drei Abenden, die ich dort verbrachte, stieg meine Faszination für das Langobarden ins Unermessliche. Und plötzlich war es ganz klar: Einfach machen, so wie schon in der Mittagspause zuvor. Und so kaufte ich mir am Tag nach meiner Rückkehr ein Longboard.

Longboard

Auf der Suche nach Tutorials zum Bremsen eines Longboards sagte mir dann ein ziemlich guter Skater auf YouTube:

Failing is our hobby, you have to deal with it. (…)
No one does his best trick in the first try.

Nur weil ich mal versage, heißt das nicht, dass ich etwas nicht kann. Es gehört dazu, und ist notwendig, um besser zu werden. Nicht nur beim Longboarden, sondern auch generell.

Und deshalb gehe ich jetzt raus und versage. Und zwar so lange, bis es klappt.