Allein unterwegs – Irland im Osten & Westen

April 29, 2017 by Julia
Reisen

Im August 2016 habe ich etwas zum ersten Mal gemacht: Ich bin alleine in ein Flugzeug gestiegen und in ein anderes Land geflogen. Meine Reise ging nach Irland, wo ich etwas mehr als eine Woche verbracht habe. Nun gibt es schon viele Blogposts, die das pro und contra vom alleine Reisen beleuchten und diskutieren, aber das möchte ich gar nicht. Einen guten verlinke ich gerne hier. Alleine verreisen ist auch nicht besonders mutig, sondern für mich eine Frage der Alternative. Ich habe meinen Flug nach Irland gebucht, weil ich unbedingt raus wollte. Ein weiteren Sommer habe ich im Sauerland verbracht, nachdem ich 10 Monate in Istanbul wohnte. Die Stadt, die nicht schläft. Nie. Ich erinnere mich an eine Situation, nachts um drei Uhr auf der Istiklal Caddesi. Charlotte hatte einen Gast aus London, mit welchem wir die Clubs und Bars der Stadt unsicher machten. Seine Worte: „This is absolutely crazy. In London, the people would go to sleep now, but look at this! It’s still super crowded! I really can’t believe it.“ Uhm, okay. Ich dachte eigentlich immer, London wäre mindestens genauso verrückt. Ist es vermutlich sogar auch, aber das Nightlife konzentriert sich vermutlich nicht auf einen Stadtteil. Oder eineinhalb, wenn man Kadiköy mit einschließt, wo es auch fantastische Bars gibt. Ich bin immer wieder erstaunt, wie ich abschweifen kann, wenn es um Istanbul geht. Was ich sagen will: Ich musste raus. Mir fiel die Decke auf den Kopf.

Als ich in Dublin das Flughafengebäude verließ und den Bus suchte, fragte ich mich das erste Mal, was ich dort eigentlich machte. Ich hatte mir kaum einen Plan gemacht und wusste nichtmal genau, wo das Hostel lag. Ein Glück gab es im Airport-City-Shuttle Wifi und ich konnte es zumindest grob herausfinden. Erste Entspannung setzte ein und ich sammelte erste Eindrücke im Vorbeifahren. Mit mir fuhren noch zwei Briten und eine weitere Deutsche im Bus, welche ich dann einfach mal ansprach. Und obwohl das jetzt unspektakulär klingt, es ist für mich immer noch und immer wieder eine Überwindung, Fremde anzusprechen, obwohl mir das häufig nicht geglaubt wird. Es war dank der beiden Briten eine wirklich unterhaltsame, kurzweilige Busfahrt, und ich war bester Laune als ich dann am College Green ausstieg. Ich befand mich als mitten im Stadtzentrum vor dem Haupteingang des Trinity Colleges und auf den Straßen war gut was los. Viele junge Leute, die Bier tranken und zumeist auch schon angeheitert waren. Eine Atmosphäre, die ich vermisst hatte. Aber ich war hoffnungslos orientierungslos, da ich dank des Gesprächs im Bus mir nur den Straßennamen aufgeschrieben hatte und mir ansonsten auch keine Karte mehr angeschaut hatte. Wenn ich mit anderen unterwegs bin, übernehme ich meist den Teil mit der Orientierung, weil ich das eigentlich intuitiv ziemlich gut hinbekomme. Aber ich hätte mir dafür mindestens einmal eine Karte von Dublin anschauen müssen. Habe ich nicht. Nachdem ich ein paar Leute gefragt hatte und minder zufriedenstellende Antworten erhalten habe, machte ich mein WLAN an und begab mich auf die Suche – und hier danke ich sowohl der FH Bielefeld als auch dem Trinity College für das eduroam. 150 Meter weite checkte ich dann gegen halb 12 im Hostel ein.

Im ersten Hostel hatte ich wirklich Schwierigkeiten, Leute kennenzulernen. Wenig Alleinreisende, häufig auch deutlich älter. Also ging ich erstmal alleine los. Ich spazierte stundenlang durch die Stadt, ging in Museen, setzte mich in Parks oder an dem River Liffey auf eine Bank und las ein Buch. Zwischendurch suchte ich mir schöne Lokalitäten, in denen ich Essen konnte und nahm mir Zeit, schöne Fotos zu machen. Um coole Fotos zu machen brauche ich entweder einen wirklich geduldigen Travel Buddy oder ich muss wirklich alleine losziehen. Der erste Tag ging wirklich schnell rum und abends war ich dann auch ziemlich kaputt, sodass ich noch nichtmal mehr für ein Bier zu haben war. Sollte sich aber tags darauf ändern. Ich nahm nachmittags an einer guided walking tour teil und lernte dort ein paar echt nette Leute kennen – und verabredete mich mit Ihnen abends in einem Pub. Es war definitiv eine lustige, alkoholisierte Nacht und den nächsten Tag musste ich wirklich eher langsam angehen lassen. Lebensfähig fühlte ich mich auch erst wieder gegen 15:00 Uhr, als ich dann etwas gegessen habe.

Tags darauf bin ich mit dem Bus dann nach Galway gefahren, in den Westen Irlands. Eine fantastisches, beschauliches Studentenstädtchen mit ganz tollen Pubs und Restaurants, auch am Wasser gelegen. Wie sich Galway sommernachts anfühlt hat Ed Sheeran ziemlich gut in diesem Song zusammenfassen können. Im Hostel traf ich auch mehr Gleichgesinnte und verabredete mich zum Hiking für den nächsten Tag. 5h im Burren National Park, später dann den Bus zu den Cliffs of Moher, von dort aus zurück nach Galway. Zufällig traf ich an den Cliffs dann auf Steffi, mit der ich zwei Nächte zuvor Dublins Nachtleben auf die Probe gestellt habe. Abends habe ich dann mit den Leuten, mit denen ich wandern war, noch gekocht und Bier getrunken, bin aber nicht mehr raus gegangen, da ich tags darauf im Connemara National Park wandern wollte. Es tat mir wirklich gut, einfach alleine die Natur zu genießen. Generell hatte ich das Gefühl, dass mir die Phasen, die ich nur mit mir selbst verbrachte, wirklich gut taten. Ich konnte meine Gedanken sortieren und Ruhe tanken für die letzten beiden Semester meines Studiums. Die Tage in Galway vergingen echt schnell und gefühlt musste ich auch schon viel zu früh zurück nach Dublin, da ich von dort ja wieder nach Deutschland flog. In Dublin hatte ich dann noch knapp 24 Stunden bis zu meinem Abflug und die verbrachte ich bis auf ein paar Abendstunden im Hostel noch größtenteils alleine.

Am Abflugtag besuchte ich dann noch das Irish Museum of Modern Art und die für Touristen aufbereitete Old Jameson Distillery. Dass ich jemals um 12 Uhr schon von Whiskey angeheitert sein würde, hätte ich bis dahin auch nicht gedacht. Aber irischer Whiskey schmeckt mir auch tausendmal besser als schottischer und mit Ginger Ale und Limette aufgefüllt ergibt es für mich einen perfekten Longdrink. Muss ich jetzt #notsponsored schreiben?

Ich habe in der Woche nicht erstaunlich viel neues über mich selbst gelernt geschweige denn mich irgendwie gefunden. Ich bin mir sogar nicht sicher, ob man sich selbst finden kann. Vielleicht habe ich mich auch nie verloren. Vielleicht gehört das Gefühl verloren zu sein einfach phasenweise zum Leben dazu. Oder vielleicht war ich auch einfach nicht lange genug unterwegs. Ich habe meine Reise nach Irland jedenfalls in vollen Zügen genossen. Ich hatte mein eigenes Tempo, musste keine Kompromisse machen. Und ich bin froh, das alles gesehen zu haben. Zuhause bleiben, weil kein Anderer Zeit und Lust hat, mitzukommen, das kam für mich einfach nicht in Frage. Und nach diesem Trip wird es das auch nie. Aber einen Wermutstropfen gibt es natürlich bei der ganzen Geschichte trotzdem: Ich habe niemanden, mit dem ich die Erinnerung an diese fantastische Reise teilen kann. Ich kann es nur nacherzählen, und das habe ich somit getan.


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